Akute Appendizitis
Die akute Appendizitis ist die Entzündung der Appendix vermiformis (des Wurmfortsatzes), nicht des gesamten Blinddarms/Zäkums. Sie ist die ❗ häufigste Ursache des akuten Abdomens mit Inzidenzgipfel im 10.–30. Lebensjahr und kann in jedem Alter auftreten. Kern sind der zweiphasige Schmerzverlauf mit Schmerzwanderung, die klinischen Appendizitiszeichen, die Sonografie als Bildgebung der Wahl und die laparoskopische Appendektomie als Standardtherapie.
Klinik und typischer Verlauf
Die Symptomatik verändert sich oft in den ersten 12–24 Stunden (zweiphasiger Verlauf). Initial besteht ein viszeraler Schmerz: schlecht lokalisierbar, epigastrisch oder periumbilikal, dumpf und kolikartig. Später folgt der somatische Schmerz durch Reizung des Peritoneum parietale: gut lokalisierbar mit charakteristischer Schmerzwanderung in den rechten Unterbauch (nach ca. 4 Stunden), eher stechend-brennend und kontinuierlich.
Begleitend treten typischerweise Übelkeit, Erbrechen, Fieber sowie Wind- und Stuhlverhalt auf.
- Klinische Untersuchung: Abwehrspannung und positive Appendizitiszeichen
- Appendizitiszeichen: Druckschmerz am McBurney-Punkt und am Lanz-Punkt, Psoas-Zeichen, Loslassschmerz, Blumberg-Zeichen
- ❗ Wichtig: kein Zeichen ist beweisend, ein Fehlen aller Zeichen schließt eine Appendizitis nicht sicher aus
- Die Temperatur muss immer gemessen werden
Diagnostik
Die ❗ Abdomen-Sonografie ist die Bildgebung der Wahl und hat eine gute Sensitivität; charakteristischer Befund ist die Kokarde. Im Labor finden sich als unspezifische Entzündungsparameter eine Leukozytose und eine CRP-Erhöhung – Normwerte schließen eine Appendizitis aber nicht aus. Weitere Bildgebung (CT, MRT) erfolgt vor allem zum Ausschluss von Differenzialdiagnosen.
- Wichtige Differenzialdiagnosen: gastroenterologische Erkrankungen mit Schmerzen im Mesogastrium/rechten Unterbauch, Adnexitis, stielgedrehte Ovarialzyste
Therapie und Komplikation
Standardtherapie bei Erwachsenen ist die ❗ laparoskopische Appendektomie1, frühestmöglich durchgeführt. Bei unkomplizierter Appendizitis ohne Appendikolith ist als Option ein primär konservativer Antibiotika-Versuch möglich1 – die sofortige Operation ist jedoch effektiver, und es besteht ein Rezidivrisiko. Die häufigste Komplikation ist die (Darm-)Perforation.
- Definition: Entzündung des Wurmfortsatzes (Appendix vermiformis), nicht des Blinddarms
- Häufigste Ursache des akuten Abdomens, Inzidenzgipfel 10.–30. Lebensjahr
- ❗ Achtung: atypische, oft symptomarme Verläufe bei Kleinkindern und Senioren ("stille Appendizitis") mit erhöhtem Perforationsrisiko durch verzögerte Diagnose
- ⚡ Falle bei adipösen Patienten: Perforation trotz fehlender Peritonitiszeichen möglich, da intraperitoneales Fett den entzündeten Bereich abkapselt
- ⚡ Falle: NSAR und Glukokortikoide können die Symptomatik überdecken und die Diagnose verzögern
Quellen
Akute Appendizitis
Die akute Appendizitis ist die Entzündung der Appendix vermiformis (des Wurmfortsatzes) – nicht des gesamten Blinddarms (Zäkum). Sie ist die ❗ häufigste Ursache des akuten Abdomens und ein häufiger abdominalchirurgischer Notfalleingriff. Kern sind der zweiphasige Schmerzverlauf mit Schmerzwanderung, die klinischen Appendizitiszeichen, die Sonografie mit Kokarde sowie die laparoskopische Appendektomie. Beachten Sie die atypischen Verläufe bei Kindern, älteren Patienten, Schwangeren und Diabetikern sowie die erschwerte Diagnostik bei Adipösen.
Epidemiologie
Der Inzidenzgipfel liegt im 10.–30. Lebensjahr, die Erkrankung kann aber in jedem Alter auftreten. Vor allem bei Kleinkindern und Senioren kommen atypische Verläufe vor (etwa die stille Appendizitis bei Senioren) mit erhöhtem Perforationsrisiko wegen verzögerter Diagnose. Männer sind etwas häufiger betroffen als Frauen (etwa 1,3–1,4 : 1), das Lebenszeitrisiko liegt bei etwa 7–8 %.
Die Appendizitis ist die häufigste Ursache des akuten Abdomens und eine häufige Indikation für eine Notfalloperation.
Ätiologie und Pathophysiologie
Ursächlich ist meist eine ❗ Verlegung/Obstruktion der Appendix – durch einen Koprolith (Kotstein, Appendicolith), Stuhl oder einen Fremdkörper (z. B. Kirschkern, Erdnuss). Die Obstruktion führt zu einer Erhöhung des intraluminalen Drucks, dadurch zu Hypoxie der Appendix-Wand mit Schleimhautulzerationen und bakterieller Durchwanderung, weiter zu Gangrän der Appendix bis hin zur Perforation. Selten liegen bakterielle Infektionen, Parasiten (Askariden, Oxyuren) oder obstruierende Tumoren zugrunde. Erregerspektrum: meist Mischinfektion (u. a. E. coli, Streptokokken, Bacteroides fragilis, Pseudomonas, Klebsiella).
- Histologische Stadien: 1. katarrhalisch (reversibel: Ödem, Rötung, Gefäßinjektion), 2. purulent (eitrige Wandentzündung), 3. ulzerophlegmonös (diffuse Infiltration, oberflächliche Gewebsdefekte), 4. gangränös (Nekrosen, grünlich-schwarze Wandverfärbung), 5. Perforation (makroskopischer Wanddurchbruch)
Einteilung
Eingeteilt wird nach Schwere/Ausprägung. ❗ Komplizierte Appendizitis entspricht jeder gangränösen Appendizitis – mit oder ohne Perforation und mit periappendikulärer Phlegmone, freier Flüssigkeit oder perityphlitischem Abszess. Die unkomplizierte Appendizitis ist die alleinige Inflammation der Appendix vermiformis ohne Hinweis auf Gangrän, Phlegmone, freie purulente Flüssigkeit oder Abszess1. Wiederholtes Vorkommen einer unkomplizierten Appendizitis nennt man chronisch rezidivierende Appendizitis.
Detailliertere Klassifikationen (EAES, Gomes et al. 2015 mit Graden 0–4 nach Klinik, Bildgebung und laparoskopischem Befund) existieren, sind aber nachrangig – in Listen genügen 1–2 Beispiele.
Symptomatik und Schmerzverlauf
Der Verlauf ist typischerweise ❗ zweiphasig und ändert sich oft in den ersten 12–24 Stunden. Zuerst besteht ein viszeraler Schmerz, der von der Appendix ausgeht: schlecht lokalisierbar, epigastrisch oder periumbilikal, dumpf und kolikartig – die Patienten sind eher unruhig. Später folgt der somatische Schmerz durch Reizung des Peritoneum parietale: gut lokalisierbar, eher stechend-brennend, kontinuierlich. Kennzeichnend ist die Schmerzwanderung, also die Verlagerung des Schmerzes in den rechten Unterbauch nach ca. 4 Stunden; die Patienten nehmen eine Schonhaltung (z. B. angewinkelte Beine) ein.
Bei ausgedehnter Beteiligung des Peritoneum parietale entsteht eine deutliche Abwehrspannung. Bei retrozökaler Lage der Appendix kann es zur Reizung des Ureters mit urologischen Symptomen (z. B. Hämaturie) kommen. Begleitend treten Übelkeit, Erbrechen, Fieber, Wind- und Stuhlverhalt auf; möglich ist eine Schmerzausstrahlung in den Hoden (gemeinsame Innervation von Hoden und Appendix über Segment Th10).
- Kinder (Gipfel 12.–14. Lebensjahr): schwierige Diagnose, da fast jede Infektion Bauchbeschwerden macht; heftiger Verlauf mit Drachter-Trias (Erbrechen, Fieber, Leukozytose); häufiger Perforationen
- Ältere Patienten: oft nur geringe Symptomatik ohne typische Peritonitiszeichen, verzögerte Diagnose – ⚠️ in ca. 50 % bereits Perforation zum Operationszeitpunkt (Warnung)
- Schwangere: wachsender Uterus verlagert die Appendix nach kranial, dadurch Schmerz im rechten Oberbauch; meist Pulsbeschleunigung und Leukozytose
- Diabetiker: oft abgeschwächte/atypische Symptomatik mit verzögerter Diagnose
- Adipöse: intraperitoneales Fett kapselt den Bereich ab, Symptomatik schwächer – Perforation auch ohne Peritonitiszeichen möglich (Warnung)
Diagnostik
Der Verdacht ergibt sich aus Symptomatik und Anamnese. Achtung: bestimmte Medikamente (NSAR, Glukokortikoide) können die Symptomatik überdecken und die Diagnose verzögern. Bei der körperlichen Untersuchung des Abdomens findet sich eine Abwehrspannung – lokal im rechten Unterbauch (Irritation des parietalen Peritoneums) oder generalisiert (fortgeschritten, diffuse Peritonitis). Die Temperatur wird immer gemessen, ggf. erfolgt eine DRU.
Klinische Appendizitiszeichen sind Schmerzen in bestimmten Abdominalarealen. ❗ Keines der Zeichen ist für sich beweisend; auch ein unauffälliger Befund schließt eine Appendizitis nicht sicher aus. Zur Abschätzung der Wahrscheinlichkeit lassen sich Klinik und Labor in einem klinischen Score (z. B. Alvarado-Score) zusammenfassen.
- McBurney-Punkt: auf der Linie zwischen rechter SIAS und Umbilicus, zwischen lateralem und mittlerem Drittel – ❌ nicht mit dem fälschlich so genannten McBurney-Zeichen/-Test verwechseln (es ist ein Punkt)
- Lanz-Punkt (Lanz-Sonnenburg-Punkt): auf der Linie zwischen beiden SIAS (Lenzmann-Linie), zwischen rechtem und mittlerem Drittel – ebenfalls ein Punkt, ❌ nicht das Lanz-Zeichen
- Psoas-Zeichen: Schmerz im rechten Unterbauch beim Anheben des gestreckten rechten Beins gegen Widerstand
- Loslassschmerz: Schmerz im rechten Unterbauch beim plötzlichen Loslassen nach tiefer Palpation rechts
- Blumberg-Zeichen: kontralateraler Loslassschmerz – Palpation links unten, Loslassen löst Schmerz rechts aus
- Douglas-Schmerz: rektale/vaginale Palpation löst Schmerz im rechten Unterbauch aus (bei Männern: Proust-Raum)
- Rovsing-Zeichen: Ausstreichen/tiefes Palpieren des Kolons vom linken Unterbauch in Richtung Zäkum erhöht den Druck im Zäkum und löst Schmerz im rechten Unterbauch aus
- Labor: Entzündungsparameter (Leukozytose, CRP-Erhöhung) – unspezifisch, Normwerte schließen eine Appendizitis nicht aus; immer orientierende Urinanalyse (typischerweise unauffällig) und Schwangerschaftstest zur Abklärung gynäkologischer DD
Bildgebung und Diagnosesicherung
Bildgebung der ersten Wahl ist in Deutschland das ❗ Sono-Abdomen: gut für den Nachweis (gute Sensitivität, ca. 81–98 %), aber kein sicherer Ausschluss (geringere Spezifität, ca. 71–94 %; treffsicherer bei schlanken Patienten und erfahrenem Untersucher). Typische Befunde sind die Kokarde, ein Durchmesser der Appendix > 6–7 mm sowie eine rundliche, nicht komprimierbare Appendix im Querschnitt. Bei Übergewicht (BMI > 25) und Adipositas (BMI > 30) ist die Diagnostik erschwert (weniger ausgeprägte Zeichen, weniger zuverlässige Sonografie), ggf. CT.
Ergänzend: CT (sensitiver und spezifischer als die Sonografie, aber höhere Strahlenbelastung; Low-Dose-CT als gute Alternative), MRT vor allem bei jungen Patienten und Schwangeren, MDCT als neuere Methode. Zusatzdiagnostik dient dem Ausschluss von DD – z. B. Stuhlkultur (Gastroenteritis), Koloskopie mit Biopsie (rechtsseitiges Kolonkarzinom, ischämische Kolitis, Morbus Crohn), Abdomenübersichtsaufnahme (Perforation mit freier Luft) und gynäkologische Untersuchung (Adnexitis mit Portioschiebeschmerz).
Differenzialdiagnosen
- Gynäkologisch: Adnexitis (ähnlicher Schmerz und Lokalisation, schwer abzugrenzen), stielgedrehte Ovarialzyste (plötzlicher starker Schmerz nach abrupter Bewegung; Doppler-Sonografie), Mittelschmerz/Ovulationsschmerz (zyklusabhängig), Ovarialtorsion, Extrauteringravidität (Schwangerschaftstest, beta-HCG positiv)
- Gastroenterologisch: bakterielle/virale Gastroenteritis (typisch Diarrhö, z. B. Yersinia enterocolitica), Divertikulitis (Linksappendizitis, ältere Patienten, Fieber), Cholezystitis, Morbus Crohn (Anamnese, Durchfälle), rechtsseitiges Kolonkarzinom (Blut im Stuhl, Gewichtsverlust), perforierendes Duodenalulkus, ischämische Kolitis, Pankreatitis (Amylase und Lipase erhöht), Psoasabszess
- Urologisch: Harnwegsinfektion (Pyelonephritis, Zystitis), Urolithiasis
- Pädiatrisch: Stuhlverhalt (Klysma), Gastroenteritis, Meckel-Divertikulitis (Unterscheidung oft erst intraoperativ), Invagination und Volvulus
Therapie
Standard bei Erwachsenen ist die operative Therapie als ❗ laparoskopische Appendektomie1 (laparoskopische Resektion der Appendix vermiformis), frühestmöglich – auch bei Übergewicht/Adipositas und bei komplizierter Appendizitis. In der Schwangerschaft ist sie ⚠️ wegen Abortgefahr dringend. Vorteile des laparoskopischen Zugangs: niedrigere Morbidität (geringere Wundinfektionsrate, weniger Schmerzen, kürzerer Krankenhausaufenthalt) und explorativer Ausschluss intraabdomineller DD. Ist die Appendix intraoperativ unauffällig, erfolgt eine Exploration mit Revision von Gallenblase, Meckel-Divertikel und Adnexen sowie dennoch die Entfernung der Appendix zur Histologie. Eine negative Appendektomie liegt vor, wenn die entfernte Appendix histologisch gesund ist – das Ziel ist es, diese (weltweit hohe) Rate möglichst niedrig zu halten. Alternativ ist die offene Appendektomie möglich (ca. 6 cm langer Hautschnitt im rechten Unterbauch, zwei Querfinger medial der SIAS).
Als Option ist bei unkomplizierter Appendizitis ohne Appendikolith (oder bei nicht eindeutigen Befunden) ein primär konservativer Antibiotika-Versuch möglich1: Antibiose – in Deutschland meist Kombination aus einem Cephalosporin und Metronidazol (einem Nitroimidazol) – plus engmaschige ärztliche Beobachtung; bei Therapieversagen zeitnahe Appendektomie. Zu bedenken ist, dass die sofortige Operation effektiver ist und nach konservativer Therapie ein Rezidivrisiko besteht. Bei komplizierter Appendizitis mit Phlegmone: ohne Risikofaktoren und klinisch stabil Antibiose, mit Risikofaktoren (ohne KI) Appendektomie; bei Abszess ggf. interventionelle Drainagetherapie; ohne Phlegmone Appendektomie.
Postoperativ: Thromboembolieprophylaxe (frühzeitige Mobilisation, ggf. niedermolekulare Heparine) und Kostaufbau (Trinken nach 6–12 Stunden, feste Kost ab 24 Stunden).
- OP-Komplikationen: Verwachsungen (< 4 %, ggf. späterer Bridenileus), Appendixstumpfinsuffizienz mit Fistel/Peritonitis (< 2 %), Douglas-Abszess (< 5 %, ca. 7–10 Tage postoperativ hohes Fieber), Wundinfekte (v. a. bei eitrig-phlegmonöser Appendizitis)
Komplikation: Perforation
Häufigste Komplikation ist die ❗ Darmperforation. Das Perforationsrisiko ist am höchsten bei Kleinkindern und alten Menschen und steigt 24 Stunden nach Diagnosestellung stark an. Bei offener/freier Perforation kommt es zu akuter Symptomatik mit Peritonitis und Sepsisgefahr sowie radiologisch freier Luft/Flüssigkeit im Abdomen. Bei gedeckter Perforation ist der Verlauf eher subakut mit lokal begrenzter Entzündung (z. B. perityphlitischer Abszess – Mitentzündung des Zäkums und seiner Umgebung –, Ileoinguinal-, Douglas- oder subphrenischer Abszess); ⚡ streng genommen sind dies keine Abszesse, sondern Empyeme. Im CT zeigt sich bei gedeckter Perforation der Austritt von Kontrastmittel aus dem Darm.
Therapie der Perforation: Laparotomie (offen) mit Appendektomie und Resektion betroffener Darmanteile oder CT-gesteuerte Drainage – immer in Kombination mit Antibiose.
Quellen
Akute Appendizitis
Terminologie und Patientensprache
Fachbegriff: (akute) Appendizitis. In der Patientensprache spricht man von einer ⚡ Blinddarmentzündung oder vom entzündeten Blinddarm – gegenüber Patientinnen und Patienten dürfen Sie das sagen, auch wenn streng genommen nur der Wurmfortsatz entzündet ist.
- Adjektiv: appendektomiert (z. B. die Patientin wurde 2020 appendektomiert)
Die akute Appendizitis ist die Entzündung der Appendix vermiformis, also des Wurmfortsatzes – genau genommen nicht des gesamten Blinddarms. Gegenüber Patientinnen und Patienten dürfen Sie dennoch von einer Blinddarmentzündung sprechen. Für die FSP zählen der typische Schmerzverlauf, die wichtigsten Untersuchungszeichen, die Sonografie und die Operation – präzise benannt und patientengerecht erklärt.
Krankheitsbild und Verlauf
Die Symptomatik verändert sich oft in den ersten 12–24 Stunden (zweiphasiger Verlauf). Zunächst besteht ein viszeraler Schmerz: schlecht lokalisierbar, im Oberbauch oder um den Nabel, dumpf und kolikartig. Später folgt der somatische Schmerz, der vom Bauchfell ausgeht: gut lokalisierbar und stechend-brennend, mit der typischen Schmerzwanderung in den rechten Unterbauch. Häufig kommen Übelkeit, Erbrechen und Fieber hinzu.
Ursache ist meist eine Verlegung des Wurmfortsatzes – durch einen Kotstein (Koprolith), Stuhl oder einen Fremdkörper.
Patientennah erklärt: Bei einer Blinddarmentzündung wandert der Schmerz typischerweise vom Bauchnabel in den rechten Unterbauch und wird dort stärker und lässt sich genauer lokalisieren.
- Bei der Untersuchung typisch: Abwehrspannung und positive Appendizitiszeichen
- Wichtige Zeichen: Druckschmerz am McBurney-Punkt und Lanz-Punkt, Loslassschmerz, Blumberg-Zeichen, Psoas-Zeichen
- Die Temperatur muss immer gemessen werden
- ⚡ Achtung bei adipösen Patienten: Das intraperitoneale Fett kann den entzündeten Bereich abkapseln, die Symptomatik ist schwächer – eine Perforation ist auch ohne Peritonitiszeichen möglich
Anamnesefragen
- Wo genau haben Sie die Schmerzen, und hat sich der Ort der Schmerzen verändert?
- Wann haben die Beschwerden begonnen, und wie haben sie sich seitdem entwickelt?
- Ist Ihnen übel, mussten Sie erbrechen, hatten Sie Fieber?
- Hatten Sie Stuhlgang und Windabgang?
- Nehmen Sie Schmerzmittel oder andere Medikamente ein?
Diagnostik und Therapie
Die ❗ Bauch-Sonografie ist die Bildgebung der Wahl; ein charakteristischer Befund ist die Kokarde. Die Standardtherapie bei Erwachsenen ist die laparoskopische Appendektomie1 – die Entfernung des Wurmfortsatzes mit einer Operation, gegenüber Patienten erklärbar als Entfernung des Blinddarms mit der sogenannten Schlüssellochchirurgie. Die häufigste Komplikation ist die Perforation (ein Durchbruch des Darms).
Quellen
Akute Appendizitis
Terminologie und Patientensprache
Der Fachbegriff lautet (akute) Appendizitis. In der Patientensprache spricht man von einer ⚡ Blinddarmentzündung oder vom entzündeten Blinddarm. Gegenüber Patienten dürfen Sie auch von der Entzündung des Blinddarms oder des sogenannten Wurmfortsatzes sprechen. Korrekt ist jedoch, dass nicht der ganze Blinddarm, sondern nur der Wurmfortsatz entzündet ist.
Als Adjektiv gebräuchlich ist appendektomiert, etwa: Die Patientin wurde 2020 appendektomiert.
Die akute Appendizitis ist die Entzündung der Appendix vermiformis – des Wurmfortsatzes. Streng genommen ist nicht der ganze Blinddarm (das Zäkum) entzündet, sondern nur der Wurmfortsatz; die Bezeichnung Blinddarmentzündung ist deshalb eigentlich nicht ganz korrekt, gegenüber Patientinnen und Patienten dürfen Sie sie aber verwenden. Diese Karte verbindet das klinische Bild, die wichtigsten Untersuchungszeichen, die Anamnese und eine patientengerechte sowie kollegiale Kommunikation.
Ursache und Schmerzverlauf
Ursächlich ist meist eine ❗ Verlegung (Obstruktion) des Wurmfortsatzes – durch einen Kotstein (Koprolith), durch Stuhl oder einen Fremdkörper. Durch die Verlegung steigt der Druck im Inneren des Wurmfortsatzes, es kommt zur Minderdurchblutung der Wand, zu Entzündung und Gewebsuntergang und schließlich kann ein Durchbruch (eine Perforation) entstehen.
Typisch ist ein zweiphasiger Verlauf, der sich oft in den ersten 12–24 Stunden verändert. Zuerst besteht ein viszeraler Schmerz, der von der Appendix ausgeht: schlecht lokalisierbar, epigastrisch oder periumbilikal, dumpf und kolikartig – die Patienten sind eher unruhig. Später folgt der somatische Schmerz durch Reizung des Peritoneum parietale (des Bauchfells): gut lokalisierbar, eher stechend-brennend und kontinuierlich. Kennzeichnend ist die Schmerzwanderung, also die Verlagerung des Schmerzes in den rechten Unterbauch nach etwa vier Stunden; die Patienten nehmen typischerweise eine Schonhaltung mit angewinkelten Beinen ein.
Begleitend treten häufig Übelkeit, Erbrechen, Fieber sowie Wind- und Stuhlverhalt auf.
- Patientennah: Anfangs ist der Schmerz dumpf und schwer zu orten, oft um den Nabel; später wird er schärfer und wandert in den rechten Unterbauch.
- Patientennah zur Abwehrspannung: Der Bauch ist hart und sehr berührungsempfindlich, das Anspannen der Bauchdecke schützt den entzündeten Bereich.
Spezielle Verlaufsformen
- Schwangere: Der wachsende Uterus verlagert die Appendix nach kranial, sodass der Schmerz im rechten Oberbauch liegen kann; meist bestehen Pulsbeschleunigung und Leukozytose.
- ⚡ Adipöse Patienten: Das intraperitoneale Fett kann den entzündeten Bereich abkapseln, die Symptomatik ist schwächer ausgeprägt – eine Perforation ist auch ohne Peritonitiszeichen möglich.
- Kleinkinder und Senioren: oft atypische, symptomarme Verläufe ("stille Appendizitis" bei Senioren) mit erhöhtem Perforationsrisiko durch verzögerte Diagnose.
Anamnese
- Können Sie mir Ihre Beschwerden schildern? Was führt Sie zu uns?
- Wo genau tut es weh, und können Sie den Schmerz mit einem Finger zeigen?
- Hat sich der Ort des Schmerzes seit Beginn verändert oder verlagert?
- Seit wann bestehen die Schmerzen, und wie haben sie sich entwickelt?
- Wie würden Sie den Schmerz beschreiben – dumpf, stechend, krampfartig?
- Ist Ihnen übel, mussten Sie sich übergeben?
- Haben Sie Fieber gemessen oder sich fiebrig gefühlt?
- Hatten Sie Stuhlgang, Durchfall oder Windabgang?
- Bei Frauen: Wann war Ihre letzte Regelblutung, besteht die Möglichkeit einer Schwangerschaft?
- Nehmen Sie regelmäßig Medikamente ein, zum Beispiel Schmerzmittel oder Kortison?
Körperliche Untersuchung und Appendizitiszeichen
Bei der Untersuchung des Bauches findet sich typischerweise eine Abwehrspannung – lokal im rechten Unterbauch oder, bei fortgeschrittenem Bild mit diffuser Bauchfellentzündung, generalisiert. Die Temperatur wird immer gemessen. Die klinischen Appendizitiszeichen sind Schmerzen in bestimmten Bauchregionen, die bei einer Appendizitis auftreten können: ❗ Keines der Zeichen ist für sich beweisend, und ein Fehlen aller Zeichen schließt eine Appendizitis nicht sicher aus.
- McBurney-Punkt: liegt auf der Linie zwischen rechter Spina iliaca anterior superior und dem Nabel, zwischen dem lateralen und mittleren Drittel – Druckschmerz an diesem Punkt
- Lanz-Punkt (Lanz-Sonnenburg-Punkt): liegt auf der Linie zwischen den beiden Spinae iliacae anteriores superiores (Lenzmann-Linie), zwischen dem rechten und mittleren Drittel
- Psoas-Zeichen: Der Patient liegt auf dem Rücken und hebt das gestreckte rechte Bein gegen den Widerstand der Hand des Untersuchers an; löst dies Schmerzen im rechten Unterbauch aus, ist es positiv
- Loslassschmerz: Schmerzen im rechten Unterbauch beim plötzlichen Loslassen der Hände nach tiefer Palpation im rechten Unterbauch
- Blumberg-Zeichen: kontralateraler Loslassschmerz – man palpiert tief im linken Unterbauch und lässt plötzlich los; positiv, wenn dies Schmerzen im rechten Unterbauch auslöst
- Douglas-Schmerz: Die rektale oder vaginale Palpation löst Schmerzen im rechten Unterbauch aus (bei Männern anatomisch der Proust-Raum)
- Rovsing-Zeichen: Ausstreichen (tiefes Palpieren) des Kolons von links unten nach links oben, nach rechts oben und nach rechts unten; positiv, wenn dies Schmerzen im rechten Unterbauch im Bereich des Zäkums auslöst
Diagnostik
Die ❗ Bauch-Sonografie ist die Bildgebung der Wahl und hat eine gute Sensitivität; ein charakteristischer Befund ist die Kokarde. Im Labor sind die Entzündungsparameter wichtig – eine Leukozytose und eine CRP-Erhöhung sprechen für eine Entzündung, sind aber unspezifisch, und normwertige Werte schließen eine Appendizitis nicht aus. Dazu gehört immer eine orientierende Urinanalyse, die typischerweise unauffällig ist, sowie ein Schwangerschaftstest zur Abklärung gynäkologischer Differenzialdiagnosen. Weitere Bildgebung (CT, MRT – vor allem bei jungen Patienten und Schwangeren) dient vor allem dem Ausschluss von Differenzialdiagnosen.
Wichtige Differenzialdiagnosen sind gastroenterologische Erkrankungen mit Schmerzen im Mesogastrium beziehungsweise im rechten Unterbauch, die Adnexitis und die stielgedrehte Ovarialzyste. Weiter abzugrenzen sind unter anderem Cholezystitis, Morbus Crohn, Divertikulitis (Linksappendizitis), Gastroenteritis, ein rechtsseitiges Kolonkarzinom, eine Pankreatitis sowie urologisch eine Harnwegsinfektion (Pyelonephritis, Zystitis) und Urolithiasis.
Therapie
Die Standardtherapie bei Erwachsenen ist die operative Therapie als ❗ laparoskopische Appendektomie1, also die laparoskopische Resektion der Appendix vermiformis – patientennah erklärt als Entfernung des Blinddarms mit einer Operation, genauer mit der sogenannten Schlüssellochchirurgie. Sie wird frühestmöglich durchgeführt; in der Schwangerschaft ist sie ⚠️ wegen der Abortgefahr dringend1. Der Eingriff erfolgt in Allgemeinanästhesie und in Rückenlagerung: Es wird ein Pneumoperitoneum angelegt, eine Kamera/Optik im Bereich des Bauchnabels sowie Arbeitsinstrumente (Arbeitstrokare) im linken und rechten Unterbauch eingeführt, die Appendix freigelegt/präpariert und anschließend abgesetzt.
Postoperativ erfolgen eine Thromboembolieprophylaxe (frühzeitige Mobilisation) und ein Kostaufbau (Trinken nach 6–12 Stunden, feste Kost ab 24 Stunden).
Komplikation und Übergabe (SBAR)
Die häufigste Komplikation ist die ❗ Darmperforation, also ein Durchbruch des Darms. Das Risiko ist bei Kleinkindern und alten Menschen am höchsten und steigt 24 Stunden nach Diagnosestellung stark an. Eine freie Perforation führt zu akuter Symptomatik mit Bauchfellentzündung (Peritonitis) und Sepsisgefahr.
Beispielhafte kollegiale Übergabe nach dem SBAR-Schema: Situation (Lage) – Ich stelle Ihnen eine 22-jährige Patientin mit Verdacht auf akute Appendizitis vor. Background (Hintergrund) – Die Beschwerden bestehen seit etwa einem Tag, der Schmerz ist vom Nabel in den rechten Unterbauch gewandert, begleitet von Übelkeit und Fieber. Assessment (Einschätzung) – Klinisch besteht eine Abwehrspannung im rechten Unterbauch mit positivem Loslass- und Blumberg-Zeichen; in der Sonografie zeigt sich bei klinischem Verdacht eine Kokarde. Recommendation (Empfehlung) – Ich empfehle die chirurgische Vorstellung zur laparoskopischen Appendektomie und bitte um Festlegung des weiteren Vorgehens.