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EXPRESS · M1

Somatosensorik: Tastsinn, Temperatursinn und Tiefensensibilität

Schematischer Hautquerschnitt mit den Mechanorezeptoren des Tastsinns: freie Nervenendigungen, Merkel-Zellen (Tastscheiben), Meissner-Tastkörperchen, Ruffini-Körperchen, Vater-Pacini-Lamellenkörperchen und Haarwurzelplexus.
BruceBlaus (Blausen.com staff, 2014) · Blausen 0809 Skin TactileReceptors · CC BY 3.0 · via Wikimedia Commons

Mechanorezeptoren der Haut (Merkel-Zellen, Meissner-, Pacini-, Ruffini-Körperchen) kodieren Druck, Berührung und Vibration mit unterschiedlicher Adaptation. Thermorezeptoren melden Warm- und Kaltempfindungen, Propriozeptoren (Muskelspindeln, Sehnenorgane, Gelenkrezeptoren) liefern Information über Muskellänge, -spannung und Gelenkstellung.

  • Merkel-Zellen (langsam adaptierend, Druck/Form) und Meissner-Körperchen (schnell adaptierend, Berührung/Textur) liegen oberflächlich; Ruffini-Körperchen (langsam adaptierend, Hautdehnung) und Vater-Pacini-Körperchen (schnell adaptierend, Vibration/Druckänderung) liegen tiefer
  • Muskelspindeln liegen parallel zu den Muskelfasern und messen Muskellänge und Längenänderungsgeschwindigkeit (Ia- und II-Afferenzen), Grundlage des Muskeldehnungsreflexes (Eigenreflex)
  • Golgi-Sehnenorgane liegen in Serie zu den Muskelfasern in der Sehne und messen Muskelspannung (Ib-Afferenzen), lösen bei Überlastung die autogene Hemmung aus
  • Somatosensorische Information zieht über die Hinterstrangbahn (Berührung, Vibration, Propriozeption, ipsilateraler Aufstieg, Kreuzung in der Medulla oblongata) bzw. den Tractus spinothalamicus (Schmerz, Temperatur, sofortige Kreuzung im Rückenmark)
  • Kortikale Repräsentation im Gyrus postcentralis (primärer somatosensorischer Kortex, Area 3,1,2) mit somatotoper Gliederung (Homunculus)

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Somatosensorik: Tastsinn, Temperatursinn und Tiefensensibilität

Schematischer Hautquerschnitt mit den Mechanorezeptoren des Tastsinns: freie Nervenendigungen, Merkel-Zellen (Tastscheiben), Meissner-Tastkörperchen, Ruffini-Körperchen, Vater-Pacini-Lamellenkörperchen und Haarwurzelplexus.
BruceBlaus (Blausen.com staff, 2014) · Blausen 0809 Skin TactileReceptors · CC BY 3.0 · via Wikimedia Commons

Die Somatosensorik umfasst mehrere parallele Systeme: kutane Mechanorezeptoren für Berührung, Druck und Vibration, Thermorezeptoren für Warm- und Kaltempfindung sowie propriozeptive Rezeptoren in Muskeln, Sehnen und Gelenken für die Tiefensensibilität. Jeder Rezeptortyp ist durch sein Adaptationsverhalten und rezeptives Feld auf eine spezifische Reizqualität abgestimmt. Die zentrale Weiterleitung erfolgt über zwei anatomisch und funktionell unterschiedliche aufsteigende Bahnsysteme, deren getrennter Verlauf für die klinische Neurologie (z. B. dissoziierte Empfindungsstörungen) hoch relevant ist.

Kutane Mechanorezeptoren

Vier Hauptrezeptortypen unterscheiden sich nach Lage und Adaptationsgeschwindigkeit: Merkel-Zellen (oberflächlich, langsam adaptierend, kodieren Druckintensität und Form/Kanten – wichtig für Formerkennung), Meissner-Körperchen (oberflächlich, schnell adaptierend, kodieren Bewegung/Textur bei niedrigen Frequenzen), Ruffini-Körperchen (tief, langsam adaptierend, kodieren Hautdehnung und Gelenkstellung) und Vater-Pacini-Körperchen (tief, sehr schnell adaptierend, kodieren Vibration bei hohen Frequenzen, größte rezeptive Felder).

Thermorezeption

Kalt- und Warmrezeptoren sind spezialisierte freie Nervenendigungen mit charakteristischen TRP-Kanälen (z. B. TRPM8 für Kälte, TRPV1 für Hitze/Capsaicin). Kaltrezeptoren sind zahlreicher, haben ein Aktivitätsmaximum um 25–30 °C und werden über dünne, myelinisierte Aδ-Fasern geleitet; Warmrezeptoren haben ein Maximum um 40–45 °C und werden über unmyelinisierte C-Fasern geleitet, weshalb Wärmeempfindung langsamer ist als Kälteempfindung.

Propriozeption

Muskelspindeln (intrafusale Fasern, parallel zu den extrafusalen Arbeitsfasern) messen über Ia-Afferenzen (primäre Endigungen, dynamisch und statisch) und II-Afferenzen (sekundäre Endigungen, überwiegend statisch) Muskellänge und Längenänderung – Grundlage des monosynaptischen Muskeldehnungsreflexes. Golgi-Sehnenorgane (in Serie zur Muskulatur in der Sehne) messen über Ib-Afferenzen die Muskelspannung und vermitteln bei Überlastung reflektorisch eine autogene Hemmung (Schutzreflex). Gelenkrezeptoren (v. a. ruffini-artige Endigungen der Gelenkkapsel) melden Gelenkstellung und -bewegung, vor allem in Endstellungen.

Zentrale Verarbeitung

Berührung, Vibration und Propriozeption ziehen über die Hinterstrangbahn (Fasciculus gracilis/cuneatus) ipsilateral zum Hinterstrangkern in der Medulla oblongata, kreuzen dort als Lemniscus medialis und ziehen zum Thalamus (Nucleus ventralis posterolateralis) und weiter zum Gyrus postcentralis. Schmerz und Temperatur kreuzen dagegen bereits 1–2 Segmente nach Eintritt im Rückenmark und steigen im Tractus spinothalamicus lateralis auf. Diese getrennten Bahnen erklären die klinisch prüfungsrelevante dissoziierte Empfindungsstörung, z. B. beim Brown-Séquard-Syndrom oder bei der Syringomyelie.

  • ❗ Merkel-Zellen/Ruffini-Körperchen = langsam adaptierend (Dauerreiz), Meissner-/Vater-Pacini-Körperchen = schnell adaptierend (Bewegung/Vibration)
  • Muskelspindeln (Ia/II-Afferenzen, parallel) messen Länge; Golgi-Sehnenorgane (Ib-Afferenzen, in Serie) messen Spannung – Grundlage von Eigenreflex vs. autogener Hemmung
  • Hinterstrangbahn (Berührung, Vibration, Propriozeption): ipsilateraler Aufstieg, Kreuzung erst in der Medulla oblongata
  • Tractus spinothalamicus (Schmerz, Temperatur): Kreuzung bereits im Rückenmark, wenige Segmente nach Eintritt
  • Kaltrezeptoren (TRPM8, Aδ-Fasern, schnellere Leitung) vs. Warmrezeptoren (TRPV1, C-Fasern, langsamere Leitung)
  • ⚠️ Prüfungsfalle: Aufgrund der unterschiedlichen Kreuzungshöhen von Hinterstrangbahn und Tractus spinothalamicus entsteht bei einseitiger Rückenmarksläsion (Brown-Séquard-Syndrom) eine dissoziierte Empfindungsstörung – ipsilateraler Verlust von Berührung/Propriozeption, aber kontralateraler Verlust von Schmerz/Temperatur unterhalb der Läsion
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